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The Mossy Nib

Urwald von morgen

01.04.2026: Wald oder Wildnis?

Urwald?

Vor 6000 Jahren waren 80% Europas von Wald bedeckt, 2021 waren es 40%. Das klingt zwar erstmal immer noch viel, aber was dabei wichtig ist zu wissen: Über 90% der Wälder werden forstwirtschaftlich genutzt, und es gibt heute in Europa nur noch wenige Flächen (0,2%), die man als Urwald oder Primärwald bezeichnet.

Primärwälder sind Wälder, die nie forstwirtschaftlich genutzt worden sind: man findet sie heute vor allem in Skandinavien und in den Karpaten; kleinere Flächen außerdem in den Alpen, den Pyrenäen oder den Appenninen. Weltweit sieht man einen überproportional großen Anteil an Primärwald übrigens in Gegenden, die von indigenen Völkern bewohnt werden. Nicht nur auf dem Afrikanischen Kontinent, im Amazonasgebiet oder in Nordamerika ist das der Fall, sondern auch hier in Europa: die letzten Urwälder in Nordskandinavien z.B. sind zu weiten Teilen Lebensraum der Sami.

In Deutschland gelten nur noch winzige Reststücke als Primärwald: in der Regel betrifft das Orte, die immer schon zu schwer zugänglich waren, um sie zu nutzen, wie z.B. die Abbruchkante der Insel Rügen mit ihren Buchenbeständen. 


Wirklichen Urwald gibt es in Deutschland also nicht mehr. Dafür gibt es immer mehr Bemühungen, neue Wildnis zu schaffen. Der Nationalpark Bayrischer Wald ist so ein Beispiel eines "Urwalds von Morgen". Er ist der älteste Nationalpark in Deutschlands und wurde 1970 unter Naturschutz gestellt. Der Mensch soll dort nur noch so wenig wie möglich eingreifen. Ein Urwald muss arten- und strukturreich sein, d.h. er muss nicht nur sehr viele unterschiedliche Tiere und Pflanzen aufweisen, sondern es muss auch sehr viele unterschiedlich alte Bäume geben. In der Regel vergehen bis zu einer annähernd natürlichen Altersverteilung der Bäume über 600 Jahre. Der Prozess des Umbaus beginnt allerdings sofort, sobald man Totholz liegen lässt. 
(Quellen: Global Forest Review, Greenpeace, Wikipedia, WWF, NABU, ZEIT-Artikel) 


 




Der Bayrische Wald war der erste Nationalpark Deutschlands, inzwischen gibt es 16 Stück. Außerdem wurden und werden zusätzlich zahlreiche andere Schutzmassnahmen entwickelt. Das Bundesnaturschutzgesetz unterscheidet dabei folgende Schutzmaßnahmen:
 

Nationalparks:
- über 10.000 Hektar,
- Prozessschutzbegiete,
- Schutz großer möglichst ungestörter Naturlandschaften,
- keine Pflege: der Natur wird freien Lauf gelassen,
- Unterteilung in Kernzone und Entwicklungszone,
- Forschung und sanfter Tourismus erlaubt,
- Beispiel in meiner Nähe: Nationalpark Eifel (11.000 Hektar)

Wildnisgebiete:
- oft Teil von Nationalpark oder Biosphärenreservat,
- Prozesschutz (Mensch darf nicht eingreifen),
- Ziel ist Wiederherstellung oder Bewahrung großer Arten- und Biotopvielfalt,
- oft größer als 100 Hektar,
- Managementplan schreibt Rückbau von Infrastruktur fest,
- in Aachen z.B. der Freyenter Wald, 60 Hektar Wald mit alten Eichen- und Eschenbeständen südlich von Aachen, schon lange in Teilbereichen Naturschutzgebiet, und seit 1988 geschützt, die NRW Stiftung und der NABU haben das Gelände 2019 erworben und lasen es sich zu einem Wildnisgebiet entwickeln

Naturschutzgebiete:
- oft kleiner als Nationalpark,
- häufigste Form des strengen Naturschutzes in Deutschland
Pflegegebiete,
- Ziel ist die Pflege und Entwicklung von Lebensräumen, Arten, Biotopen,
- Nutzung nur zulässig, wenn sie den Schutz nicht gefärdet,
- gehören mit den Nationalparks und den Naturmonumenten zu den am strengesten geschützten Gebieten

Naturmonumente:
- recht neue Kategorie (2010),
- wesentlich kleiner als Nationalparks, aber ähnlich streng geschützt,
- Beispiel sind die Ivenacker Eichen in Mecklenburg-Vorpommern, ein 1000 Jahre alter historischer Wald, der 75 Hektar groß ist, kein Urwald sondern ein Hutewald (Waldweide, d.h. Vieh wurde zum Weiden unter die eichen geschickt)

Naturparks:
- bewirtschaftete Landschaftsräume,
- durch menschliche Eingriffe geprägt,
- bestehen überwiegend aus Natur- und Landschaftschutzgebieten, sind aber bewirtschaftet,
- Beispiel in meiner Nachbarschaft: Das Hohe Venn und die Eifel


 




FSC Siegel und Totholz

Auch forstwirtschaftlich genutzte Wälder können jedoch nachhaltiger bewirtschaftet werden: Der Aachener Wald ist auf Initiative von Greenpeace seit 2003 mit dem Umweltsiegel zertifiziert nach dem Forest Stewardship Council (FSC® -C116663). Dieses Siegel kann durch nachhaltige Forstwirtschaft regelmässig verlängert werden, wodurch der Wald stufiger und artenreicher werden soll, und z.B. der Anteil heimische Baumarten zunimmt. Außerdem sind 5% der Gesamtwaldfläche als "Referenzflächen" ausgewiesen und stillgelegt. Das bedeutet, dass diese Teilbereiche nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt werden, und auch hier Totholz liegen bleibt. An einer Stelle fand ich dazu ein Schild:


 
 

Es weist besorgte und besonders ordnungsliebende Spaziergänger*innen darauf hin, dass abgestorbene Bäume und Äste absichtlich nicht entfernt werden und erklärt, warum dies für den Wald und die Umwelt ökologisch sinnvoll ist. Außerdem warnt es vor herabfallenden Ästen. Damit auch wirklich niemand scheinbar besonders faule Förster und Försterinnen beim Ordnungsamt meldet, gibt es zusätzlich Erklärungen online, in denen das Forstamt das Vorgehen erklärt. Es schließt ab mit den Worten:
 

Das Gemeindeforstamt unterstützt seit langem die Bildung von stehendem und liegendem Totholz im Wald, (...). So kommt es auch vor, dass nicht jeder Holzknüppel im Wald als Brennholz verkauft wird und der Wald einen eher unaufgeräumten Eindruck hinterlässt. Dabei handelt es sich nicht um Nachlässigkeiten des*der Försters*Försterin, sondern um bewusste Waldpflege. Der Wald hat seine eigenen Ordnungsregeln!

Quellen: www.aachen.de/in-aachen-leben/natur-freizeit/aachener-wald/totholz, www.aachen.de/in-aachen-leben/natur-freizeit/aachener-wald/stilllegungsflaechen



Und das ist gut so. Denn auch wenn "herkömmlicher" Wald vielleicht zunächst für den Menschen beruhigend und friedlich aussieht wie auf dem Titelbild, handelt es sich eben doch oft um eine Monokultur. Bäume in Reih und Glied, mit einem Kronendach so dicht, dass es kaum Sonnenlicht durchlässt und daher unter ihnen außer Moos kaum etwas wachsen kann.
 




In meinem Beispiel waren es Fichten. Die Fichte wächst in nur wenigen Regionen Deutschlands von Natur aus, ist jedoch gleichzeitig der am weitesten verbreitete Nadelbaum. Sie ist die wichtigste forstliche Einnahmequelle, steht aber für besonders artenarme und naturferne Forste. Ob es sich um Fichten handelt, ist gut zu erkennen an den zahlreichen Zapfen, die auf dem Boden verteilt liegen. Fichtenzapfen fallen als Ganzes ab und sehen dann so aus: 
 
(auf dem Blatt habe ich noch Platz gelassen für eine Zeichnung, wenn der Zapfen sich geöffnet hat)


Etwas weiter fand ich dann bei einem Spaziergang viele kleine junge Buchenstämmchen, die mich zu diesem Blogpost inpiriert haben. An einigen hing noch ein Namens-Schild. Seit ein paar Jahren gibt es anscheinend Pflanzaktionen, bei denen Aachener Bürger*innen gegen eine Spende einen jungen Baum aus einer Forstbaumschule selber pflanzen können:

 

 


Eigentlich müssten hier überall Laubwälder wachsen, und trotzdem bestand der Wald in Deutschland 2017 aus wirtschaftlichen Gründen immer noch zu 55% aus Nadelbäumen. Diese Monokulturen konnten aber dem Klimawandel nicht gut standhalten: heißere Sommer und mehr Trockenheit setzte den Fichten stark zu, wie auch dem Befall von Borkenkäfern. Auch hohen Windgeschwindigkeiten hielten sie kaum stand, da sie Flachwurzler sind. Laut einem Bericht von 2024 gilt nur noch jeder 5. Baum als gesund, und Monokulturen aus Fichten und Kiefern sind besonders betroffen, dazu kommen noch die häufigen Waldbrände der letzten Jahre. Seitdem hat ein Umbau der Wälder eingesetzt hin zu mehr Mischwald, der stabiler ist unter diesen Bedingungen.
(Quelle: NABU,  Aktion Baum)

Darum hab ich mich gefreut über diese kleinen Bäumchen mit ihren Schildern um den Hals und einer auch hier vor der Haustür gut zu erkennenden Wende hin zu größerer Artenvielfalt und generellem Umdenken.

 




Und manchmal stoße ich im Wald auf Dinge, die ich zwar nicht sicher erklären kann, die aber einfach interessant sind, wie dieser kleine runde Tümpel im Wald. Ist es ein alter Bombenkrater? Haben die Römer hier nach Lehm oder Ton gegraben? Ist er natürlich durch das Wasser enstanden? Ich weiss es nicht, aber er sieht immer wieder toll aus:
 


 

Abschließend nochmal ein paar Seiten, wie sie im Skizzenbuch stehen. Direkter, handschriftlich und genauso "unordentlich" wie dort, wo der Wald am schönsten ist. Und es gibt ein paar Anmerkungen zur Ausrüstung und Gewicht derselben, aber das ist Thema für einen anderen Tag, 
LG, Imme 


PS:
Im Gasometer Oberhausen gibt es noch bis Ende des Jahres eine Ausstellung zum Thema: "Mythos Wald", die sicher sehenswert ist. Ich war selber noch nicht da, habe ich aber auf jeden Fall noch vor: www.gasometer.de/de/ausstellungen/mythos-wald
 
 
 
Kommentare2
| Datum: 02.04.2026
Liebe Imme,
meine Oma hat den Wald im Siebengebirge geliebt und von dem Wald in ihrer ursprünglichen Heimat immer als "Streichholzwald" gesprochen, denn dort gab es kaum alten Baumbestand.
Diesen Buchtipp kann ich noch geben:
"Das Echo der Sommer" von Elin Anna Labba. "...(sie) erzählt die weitgehend unbekannte Geschichte ihrer Gemeinschaft und schafft ein unvergessliches Zeugnis für das Recht auf Selbstbestimmung und die tiefe Verbundenheit von Mensch und Natur...."
Liebe Grüße,
Susanne


Imme hat genatwortet:
Danke für den Tipp! Auf Sylt, wo meine Oma herstammte, gibt es ein Wäldchen direkt hinter den Dünen, in dem sind die Bäume kaum größer als ein Mensch. Und als ich Kind war, haben dort die Eichhörnchen einem aus der Hand gefressen. Kam mir immer wie ein Märchenwald vor :)
| Datum: 01.04.2026
Wie immer, tolle Zeichnungen von Dir. Und ich habe auch etwas gelernt. Bei der nächsten Pilzwanderung werde ich mit ganz anderen Augen durch den Wald gehen. Danke dafür!



Imme hat geantwortet:
Hallo Floh, freut mich, dass der post Dir gefallen hat :)
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