
Vor 6000 Jahren waren 80% Europas von Wald bedeckt, 2021 waren es 40%. Das klingt zwar erstmal immer noch viel, aber was dabei wichtig ist zu wissen: Über 90% der Wälder werden forstwirtschaftlich genutzt, und es gibt heute in Europa nur noch wenige Flächen (0,2%), die man als Urwald oder Primärwald bezeichnet.
Primärwälder sind Wälder, die nie forstwirtschaftlich genutzt worden sind: man findet sie heute vor allem in Skandinavien und in den Karpaten; kleinere Flächen außerdem in den Alpen, den Pyrenäen oder den Appenninen. Weltweit sieht man einen überproportional großen Anteil an Primärwald übrigens in Gegenden, die von indigenen Völkern bewohnt werden. Nicht nur auf dem Afrikanischen Kontinent, im Amazonasgebiet oder in Nordamerika ist das der Fall, sondern auch hier in Europa: die letzten Urwälder in Nordskandinavien z.B. sind zu weiten Teilen Lebensraum der Sami.
In Deutschland gelten nur noch winzige Reststücke als Primärwald: in der Regel betrifft das Orte, die immer schon zu schwer zugänglich waren, um sie zu nutzen, wie z.B. die Abbruchkante der Insel Rügen mit ihren Buchenbeständen.
Wirklichen Urwald gibt es in Deutschland also nicht mehr. Dafür gibt es immer mehr Bemühungen, neue Wildnis zu schaffen. Der Nationalpark Bayrischer Wald ist so ein Beispiel eines "Urwalds von Morgen". Er ist der älteste Nationalpark in Deutschlands und wurde 1970 unter Naturschutz gestellt. Der Mensch soll dort nur noch so wenig wie möglich eingreifen. Ein Urwald muss arten- und strukturreich sein, d.h. er muss nicht nur sehr viele unterschiedliche Tiere und Pflanzen aufweisen, sondern es muss auch sehr viele unterschiedlich alte Bäume geben. In der Regel vergehen bis zu einer annähernd natürlichen Altersverteilung der Bäume über 600 Jahre. Der Prozess des Umbaus beginnt allerdings sofort, sobald man Totholz liegen lässt.
(Quellen: Global Forest Review, Greenpeace, Wikipedia, WWF, NABU, ZEIT-Artikel)
Der Bayrische Wald war der erste Nationalpark Deutschlands, inzwischen gibt es 16 Stück. Außerdem wurden und werden zusätzlich zahlreiche andere Schutzmassnahmen entwickelt. Das Bundesnaturschutzgesetz unterscheidet dabei folgende Schutzmaßnahmen:
Nationalparks:
- über 10.000 Hektar,
- Prozessschutzbegiete,
- Schutz großer möglichst ungestörter Naturlandschaften,
- keine Pflege: der Natur wird freien Lauf gelassen,
- Unterteilung in Kernzone und Entwicklungszone,
- Forschung und sanfter Tourismus erlaubt,
- Beispiel in meiner Nähe: Nationalpark Eifel (11.000 Hektar)
Wildnisgebiete:
- oft Teil von Nationalpark oder Biosphärenreservat,
- Prozesschutz (Mensch darf nicht eingreifen),
- Ziel ist Wiederherstellung oder Bewahrung großer Arten- und Biotopvielfalt,
- oft größer als 100 Hektar,
- Managementplan schreibt Rückbau von Infrastruktur fest,
- in Aachen z.B. der Freyenter Wald, 60 Hektar Wald mit alten Eichen- und Eschenbeständen südlich von Aachen, schon lange in Teilbereichen Naturschutzgebiet, und seit 1988 geschützt, die NRW Stiftung und der NABU haben das Gelände 2019 erworben und lasen es sich zu einem Wildnisgebiet entwickeln
Naturschutzgebiete:
- oft kleiner als Nationalpark,
- häufigste Form des strengen Naturschutzes in Deutschland
- Pflegegebiete,
- Ziel ist die Pflege und Entwicklung von Lebensräumen, Arten, Biotopen,
- Nutzung nur zulässig, wenn sie den Schutz nicht gefärdet,
- gehören mit den Nationalparks und den Naturmonumenten zu den am strengesten geschützten Gebieten
Naturmonumente:
- recht neue Kategorie (2010),
- wesentlich kleiner als Nationalparks, aber ähnlich streng geschützt,
- Beispiel sind die Ivenacker Eichen in Mecklenburg-Vorpommern, ein 1000 Jahre alter historischer Wald, der 75 Hektar groß ist, kein Urwald sondern ein Hutewald (Waldweide, d.h. Vieh wurde zum Weiden unter die eichen geschickt)
Naturparks:
- bewirtschaftete Landschaftsräume,
- durch menschliche Eingriffe geprägt,
- bestehen überwiegend aus Natur- und Landschaftschutzgebieten, sind aber bewirtschaftet,
- Beispiel in meiner Nachbarschaft: Das Hohe Venn und die Eifel
Auch forstwirtschaftlich genutzte Wälder können jedoch nachhaltiger bewirtschaftet werden: Der Aachener Wald ist auf Initiative von Greenpeace seit 2003 mit dem Umweltsiegel zertifiziert nach dem Forest Stewardship Council (FSC® -C116663). Dieses Siegel kann durch nachhaltige Forstwirtschaft regelmässig verlängert werden, wodurch der Wald stufiger und artenreicher werden soll, und z.B. der Anteil heimische Baumarten zunimmt. Außerdem sind 5% der Gesamtwaldfläche als "Referenzflächen" ausgewiesen und stillgelegt. Das bedeutet, dass diese Teilbereiche nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt werden, und auch hier Totholz liegen bleibt. An einer Stelle fand ich dazu ein Schild:
Es weist besorgte und besonders ordnungsliebende Spaziergänger*innen darauf hin, dass abgestorbene Bäume und Äste absichtlich nicht entfernt werden und erklärt, warum dies für den Wald und die Umwelt ökologisch sinnvoll ist. Außerdem warnt es vor herabfallenden Ästen. Damit auch wirklich niemand scheinbar besonders faule Förster und Försterinnen beim Ordnungsamt meldet, gibt es zusätzlich Erklärungen online, in denen das Forstamt das Vorgehen erklärt. Es schließt ab mit den Worten:
Das Gemeindeforstamt unterstützt seit langem die Bildung von stehendem und liegendem Totholz im Wald, (...). So kommt es auch vor, dass nicht jeder Holzknüppel im Wald als Brennholz verkauft wird und der Wald einen eher unaufgeräumten Eindruck hinterlässt. Dabei handelt es sich nicht um Nachlässigkeiten des*der Försters*Försterin, sondern um bewusste Waldpflege. Der Wald hat seine eigenen Ordnungsregeln!
Quellen: www.aachen.de/in-aachen-leben/natur-freizeit/aachener-wald/totholz, www.aachen.de/in-aachen-leben/natur-freizeit/aachener-wald/stilllegungsflaechen
Und das ist gut so. Denn auch wenn "herkömmlicher" Wald vielleicht zunächst für den Menschen beruhigend und friedlich aussieht wie auf dem Titelbild, handelt es sich eben doch oft um eine Monokultur. Bäume in Reih und Glied, mit einem Kronendach so dicht, dass es kaum Sonnenlicht durchlässt und daher unter ihnen außer Moos kaum etwas wachsen kann.
Eigentlich müssten hier überall Laubwälder wachsen, und trotzdem bestand der Wald in Deutschland 2017 aus wirtschaftlichen Gründen immer noch zu 55% aus Nadelbäumen. Diese Monokulturen konnten aber dem Klimawandel nicht gut standhalten: heißere Sommer und mehr Trockenheit setzte den Fichten stark zu, wie auch dem Befall von Borkenkäfern. Auch hohen Windgeschwindigkeiten hielten sie kaum stand, da sie Flachwurzler sind. Laut einem Bericht von 2024 gilt nur noch jeder 5. Baum als gesund, und Monokulturen aus Fichten und Kiefern sind besonders betroffen, dazu kommen noch die häufigen Waldbrände der letzten Jahre. Seitdem hat ein Umbau der Wälder eingesetzt hin zu mehr Mischwald, der stabiler ist unter diesen Bedingungen.
(Quelle: NABU, Aktion Baum)
Darum hab ich mich gefreut über diese kleinen Bäumchen mit ihren Schildern um den Hals und einer auch hier vor der Haustür gut zu erkennenden Wende hin zu größerer Artenvielfalt und generellem Umdenken.
Und manchmal stoße ich im Wald auf Dinge, die ich zwar nicht sicher erklären kann, die aber einfach interessant sind, wie dieser kleine runde Tümpel im Wald. Ist es ein alter Bombenkrater? Haben die Römer hier nach Lehm oder Ton gegraben? Ist er natürlich durch das Wasser enstanden? Ich weiss es nicht, aber er sieht immer wieder toll aus:
